Mélenchon, der Antideutsche

Jean-Luc Mélenchon ist ein französischer Politiker der radikalen Linken. Am Anfang seines im Mai 2015 erschienenen Buchs, Le Hareng de Bismarck (Der Bismarckhering), wehrt er den Gedanken ab, er oder seine Äußerungen seien antideutsch. Zwar gehe er hart mit Merkel und ihrer Wählergruppe ins Gericht, doch trenne er dies immer von seiner Haltung gegenüber dem deutschen Volk. Daß diese zwei Bereiche durchaus trennbar sind, wird man hier nicht in Zweifel ziehen. Einen solchen Satz könnten wir sogar zum Prinzip erheben. Daß Mélenchon aber weit davon entfernt ist, dieser Unterscheidung treu und gerecht zu bleiben, stellt sich bei der Lektüre seines Pamphlets rasch heraus.

So sieht nämlich das Feindbild am Start dieser Streitschrift aus : “Seine Majestät, der deutsche Rentner des gehobenen Mittelstandes”, dessen Egoismus zugleich ökologische, wirtschaftliche und demografische Dimensionen besitze. Bloß die deutsche Exportwirtschaft allein sei Schuld an einer “globalen Ökologischen Sackgasse” — denn man bedenke, was es für die Umwelt hieße, wenn der Rest der Welt wirtschaftlich wie Deutschland funktionieren würde. Es hinken auch andere Argumente in diesem Buch wie dieses apokalyptisch-lächerliche “Wenn”. Jedoch: so verkehrt und schwach dieser Kritikansatz auch sei, wäre es falsch, ihn als antideutsch zu bezeichnen. Von der Absicht her gehören die ersten Kapitel des Buches der an sich existenzberechtigten Tradition der Kapitalismuskritik an.

Erst später im Text steigert sich die Polemik zur Germanophobie. Folgende Stellen beweisen dies zur Genüge:

L’empereur Claude, au 1er siècle de notre ère, recommandait déjà à ses généraux de ne point trop parlementer ni finasser avec les chefs germains. Selon lui, ces derniers ne comprendraient que les rapports de forces et ne respecteraient que cela.

Übersetzung (Thymos Book Club):

Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung empfahl schon Kaiser Claudius seinen Generälen es bei Verhandlungen mit germanischen Anführern schlicht und einfach zu halten. Seiner Meinung nach würden letztere nur Kräfteverhältnisse achten und verstehen.

Der missbrauchte Bezug auf die römische Geschichte ist ein sicheres Zeichen von Germanophobie.

Les dirigeants allemands ont tous cherché à répondre à la question posée : par quoi remplacer le mythe de l’ethnie comme fondement de la communauté puisque celle-ci reste centrale dans leur conception de la nation ? Le chancelier Willy Brandt avait bien résumé cette ambition intellectuelle en 1967, dans un entretien publié par le magazine catholique Mann in der Zeit : « Après les horreurs du passé, il faudra entreprendre l’élaboration d’un Volksgruppenrecht [un droit ethnique] comme élément d’un ordre pacifique européen. » La religion prend donc le relais d’une identification ethnique ruinée par le nazisme. […]

Les Français n’ont qu’une patrie : la République. […] Son [la France] voisin sénescent n’affiche-t-il pas sans ambages sur le nouveau fronton du Bundestag son ambition étriquée d’être voué au deutschen Volk ? Le Volk ! C’est-à-dire l’ethnie dont le programme vient avec le sang reçu de ses parents depuis le temps des hordes que Rome s’épuisa à contenir.

Übersetzung (Thymos Book Club):

Deutsche Machthaber haben alle versucht folgende Frage zu beantworten: womit soll der Mythos des Volks [Ethnie] als Fundament der Gemeinschaft ersetzt werden, da jenes im Zentrum ihres Nationsbegriffs verbleibt? Der Kanzler Willy Brandt hat dieses Anstreben 1967 in einem Interview mit dem katholischen Magazin Mann in der Zeit gut zusammengefasst: “Nach den Grauen der Vergangenheit, wird man ein Volksgruppenrecht schaffen müssen, als Element einer europäischen Friedensordnung.” Die Religion übernimmt also die Rolle der ethnischen Identifikation, welche vom Nazismus ruiniert wurde. […]

Die Franzosen haben nur ein Vaterland: die Republik. […] Zeigt sein [Frankreichs] alternder Nachbar nicht ohne Umschweife am neuen Giebel des Bundestags seinen engstirnigen Ehrgeiz, dem deutschen Volk geweiht zu sein? Das Volk! Also die Ethnie, deren Programm vom Blut des Elternteils abstammt, seit der Zeit jener Horden, an deren Unterbindung Rom sich erschöpfte.

Mélenchon darf sich freuen: dank Merkel droht jetzt Deutschland kulturell vollkommen unterzugehen. Daß viele Rentner des gehobenen Mittelstandes dafür Beifall spenden, stört den Identitätsblinden und verlogenen “Antikapitalisten” kein bisschen.
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